Leben. Weil es immernoch eine Zukunft gibt.

Immer am Hoffen gewesen, mich im Denken verloren, Blumen verschenkt, durch den Morgenregen gegangen, nach Lavendel geduftet, Goethe gelesen, Theater gespielt, protestiert, triumphiert und verloren, Träume gelebt, Briefe geschrieben, alles abgelichtet und auf zinnoberrote Dächer gestarrt, mich in eine Stadt verliebt, einen Vogel bis zu seinem letzten Herzschlag in den Händen gehalten, in Repliken gedacht, dadaistische Gedichte geschrieben, Platten gehört, bin zu klein gewesen und an einem Vormittag im August erwachsen geworden, habe Malakowtorte gegessen, mich in Wien verirrt, zu wenig gezeichnet, in einem spanischen Discoklo geweint, zu viel getrunken, nie gereimt, bin altmodisch gewesen, habe Herzen gebrochen und bin gebrochen worden, war immer zu sehr ich selbst, und am Ende wird wieder von vorne begonnen.

...

Zitternd wachte ich auf, weil er sich im Schlaf unsere Decke zweimal um den Körper gewickelt und unter seinen Füßen festgestopft hatte. Doch statt Ärger lief ein anderes Gefühl durch mich, etwas neues, flüchtiges,

wie ein Mund voll Zuckerwatte oder das Licht.

Ich drehte die Heizung auf, setzte mich neben den Kopf des Jungen und hatte den absurden Wunsch, ihm jede Decke dieser Welt zu schenken.

Bücher.

. . . und so denkt man zurück, an den Anfang, das erste selbstgekaufte Buch im Sommer, Doris Dörrie, innerhalb einer Nacht ausgelesen; Jahre später die Liebe zum Theater entdeckt und Nestroy Komödien gelesen, das Mädl aus der Vorstadt im August in einem Haus in den steirischen Bergen, danach den Zerissenen auf der Zugfahrt nach Wien, und begonnen, Wien als Milieu für diese Vorstadtkomödien zu lieben; im Winter dann beim Kachelofen den Talisman gelesen, innerhalb eines einzigen Tages, und auf der Zugfahrt von Graz nach Salzburg Die beiden Nachtwandler oder das Notwendige und das Überflüssige begonnen. Goethe in unerträglichen Hitzetagen im Juli im eigenen Zimmer am Bett gelesen, der Tragödie beider Teile, Stella Adlers Schule der Schauspielkunst im Korbstuhl an Herbstabenden verinnerlicht, und die Epochen der Musikgeschichte, gelesen im Schaukelstuhl in einem großen, alten Zimmer mit verstimmtem Flügel, auf dem ich unerbittlich Debussy mit 6 b's geübt habe; Julius Hey begonnen in den Weihnachtsfeiertagen in dem hohen Bett meiner Großmutter, Gedichte von Lisa Mayer am siebzehnten Geburtstag zu den atonalen, wirren Klängen von Keith Jarrett und dem Duft des Geburtstagsblumenstraußes; Plenzdorf, gelesen in einer Villa nähe der Toscana bei 11 Grad Raumtemperatur und einer herbstlichen Brise Nachtwind, auf einer verregneten Zugfahrt Lessing gelesen; Ingeborg Bachmanns Malina auf einer abendlichen Autofahrt und in verwirrten Nächten gelesen, Thomas Bernhard während Physikstunden und auf dem Heimweg in einem Landbus bei verregneten Fensterscheiben. Und in Folge zwischen Unterrichtsstunden, Hausaufgaben und Nachhausewegen Heinrich Böll, Günter Grass, Friedrich Dürrenmatt, Peter Handke und Rainer Werner Fassbinder rezipieren, und später in ruhigen Junitagen Konstantin Stanislawskis Bände zur Schauspielkunst, und in neun Wochen Ferien auf Zugfahrten, in Straßenbahnen und fremder Stadtluft Voltaire, Kant und Nietzsche studieren, auf der Fahrt nach Stuttgart und mit neuen Träumen . . .

(geschrieben im März 2007)

Und das wirklich Wahre?

Einschlafen.
Das wehende Gras.
Der Nachtzug.
Regenrauschen.
Mitternacht.
Der schlafende Nächste im Nebenraum.
Wind wie im Frühling.
Lang nachdenken.
Das freihändig Fahrradfahren.
Ein offenes Zugfenster.
Freiheitsgedanken.


fensterkll

...

Er dachte, wenn sie Kinder hätten, wären sie sehr groß und dünn, und hätten oft Migräne.
(aus: Jules et Jim, 1962)

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O Leben, Leben, wunderliche Zeit
von Widerspruch zu Widerspruche reichend
im Gange oft so schlecht so schwer so schleichend
und dann auf einmal, mit unsäglich weit entspannten Flügeln, einem Engel gleichend: O unerklärlichste, o Lebenszeit.

Von allen großgewagten Existenzen
kann einer glühender und kühner sein?
Wir stehn und stemmen uns an unsre Grenzen
und reißen ein Unkenntliches herein,
.............................................................


(Rainer Maria Rilke)

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