Zitternd wachte ich auf, weil er sich im Schlaf unsere Decke zweimal um den Körper gewickelt und unter seinen Füßen festgestopft hatte. Doch statt Ärger lief ein anderes Gefühl durch mich, etwas neues, flüchtiges,
wie ein Mund voll Zuckerwatte oder das Licht.
Ich drehte die Heizung auf, setzte mich neben den Kopf des Jungen und hatte den absurden Wunsch, ihm jede Decke dieser Welt zu schenken.
wunderlichezeit - 10. August, 19:29
. . . und so denkt man zurück, an den Anfang, das erste selbstgekaufte Buch im Sommer, Doris Dörrie, innerhalb einer Nacht ausgelesen; Jahre später die Liebe zum Theater entdeckt und Nestroy Komödien gelesen, das Mädl aus der Vorstadt im August in einem Haus in den steirischen Bergen, danach den Zerissenen auf der Zugfahrt nach Wien, und begonnen, Wien als Milieu für diese Vorstadtkomödien zu lieben; im Winter dann beim Kachelofen den Talisman gelesen, innerhalb eines einzigen Tages, und auf der Zugfahrt von Graz nach Salzburg Die beiden Nachtwandler oder das Notwendige und das Überflüssige begonnen. Goethe in unerträglichen Hitzetagen im Juli im eigenen Zimmer am Bett gelesen, der Tragödie beider Teile, Stella Adlers Schule der Schauspielkunst im Korbstuhl an Herbstabenden verinnerlicht, und die Epochen der Musikgeschichte, gelesen im Schaukelstuhl in einem großen, alten Zimmer mit verstimmtem Flügel, auf dem ich unerbittlich Debussy mit 6 b's geübt habe; Julius Hey begonnen in den Weihnachtsfeiertagen in dem hohen Bett meiner Großmutter, Gedichte von Lisa Mayer am siebzehnten Geburtstag zu den atonalen, wirren Klängen von Keith Jarrett und dem Duft des Geburtstagsblumenstraußes; Plenzdorf, gelesen in einer Villa nähe der Toscana bei 11 Grad Raumtemperatur und einer herbstlichen Brise Nachtwind, auf einer verregneten Zugfahrt Lessing gelesen; Ingeborg Bachmanns Malina auf einer abendlichen Autofahrt und in verwirrten Nächten gelesen, Thomas Bernhard während Physikstunden und auf dem Heimweg in einem Landbus bei verregneten Fensterscheiben. Und in Folge zwischen Unterrichtsstunden, Hausaufgaben und Nachhausewegen Heinrich Böll, Günter Grass, Friedrich Dürrenmatt, Peter Handke und Rainer Werner Fassbinder rezipieren, und später in ruhigen Junitagen Konstantin Stanislawskis Bände zur Schauspielkunst, und in neun Wochen Ferien auf Zugfahrten, in Straßenbahnen und fremder Stadtluft Voltaire, Kant und Nietzsche studieren, auf der Fahrt nach Stuttgart und mit neuen Träumen . . .
(geschrieben im März 2007)
wunderlichezeit - 10. August, 18:49
Er dachte, wenn sie Kinder hätten, wären sie sehr groß und dünn, und hätten oft Migräne.
(aus: Jules et Jim, 1962)
wunderlichezeit - 10. August, 16:47
Es wird also festgehalten - mein neues Leben, welches unaufhaltsam auf mich zukommt. Ein Umzug in die Studentenstadt, und mich an der Universität für zwei Studien einschreiben. Außerdem: die erste eigene Wohnung. Der langersehnte Traum, der nun wahr wird. Türkise Blumentöpfe in Ecken von kleinen Studentenwohnungen, so hieß es noch letzten Herbst in meinen Träumen. Und jetzt wird das wahr; und noch viel mehr. Parkettböden und ein Plattenspieler, frühmorgens die Herbstluft zum Fenster hereinlassen und nochmal zurück ins Bett schlüpfen. Schöne Männer in der Unibibliothek beobachten (ja, auch das) und im dämmernden Abendlicht mit dem Fahrrad ins Theater fahren, und spätnachts dann voll der neuen Eindrücke zurück nach Hause fahren, durch die dunkle Stadt. Collegeblöcke voll wirren Vorlesungsmitschriften, und viel neue Photographie, weil ich alte Häuser mit einer ebenso alten Kamera photographieren werde. Der Herbst; mit all seinen Stimmungen. Und ein großes Bücherregal, mit einer Gesamtausgabe von Rilke und einer wachsenden Reclamsammlung. Im roten Ohrensessel in der Küche sitzen, und lesen; irgendwann.
wunderlichezeit - 9. August, 22:45