eindrücke.

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(neuleben. neuheimat.)

bergamesque

Heute ein Regentag, früh aufgestanden und jetzt müd, aber vor ein paar Tagen noch ein langersehntes Photo geschossen, das mit dem weißen Altbaufenster und dem großen Stück blauem Himmel. Und mein Stiegenhaus. Ich hab schon Kuchen gebacken und die Heizung läuft, so kalt ist es hier schon. Parkettboden eisig. Plattenspielermusik; immer. Oder Radio. Hörspiele. Und hier die Freiheit. Überall.

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Hier im Neusein

Alles ist so voll Freiheit; jetzt. Und für sehr lange Zeit. Ausbrechen aus dem gewohnten Leben und mit vorsichtigen Schritten in ein neues tapsen. Noch ein wenig unsicher, aber die Stadt ist schon ganz Heimat geworden, und morgen wird die Wohnung schön und Mein gemacht. Bald auch hoffentlich endlich Plattenspielermusik.

leben.

Der Hochsommer ist vorrüber und es gilt ein Leben zu leben, eines, das schöner und aufregender und gleichzeitig schlichter nicht sein könnte. Ich fahre Fahrrad und genieße dabei die (mittlerweile schon schulterlangen) im Wind wehenden, blonden Haare, ich kaufe Schokolade und Melonensaft, bei dem ich später die Erfahrung machen musste, dass er ganz chemisch und unecht schmeckt, ich bin wieder ein bisschen mehr Mädchen geworden, habe mit zwei Flechtzöpfen über Nacht geschlafen um am Morgen und den Tag über ganz unregelmäßige wirre Locken zu haben, ich hab mir sogar ein Pflegeshampoo (mit integriertem Balsam!) gekauft, um die, noch immer von den früheren Dreadlocks strapazierten Haare zu revitalisieren, wie es so schön heißt, ich schaue Wolf Haas Filme im Fernsehen und rede über seine Bücher, tausche unterschiedliche Meinungen aus und wundere mich über die neugewonnene Aufmerksamkeit, ich sitze um 2 Uhr Nachts im Bustaxi neben meinem Nachbarn und ehemaligem Kindheitsfreund, und spreche ihn dann doch nicht an, außerdem klimpern an meinem Schlüsselbund jetzt drei Schlüssel mehr, drei Schlüssel, die eine verheißungsvolle Zukunft und das Studentenleben vorhersagen und immerwieder bemerke ich voll Freude:
Das Leben holt mich wieder ein. Und ich war schon lange nicht mehr so glückvoll, wie in diesen Wochen.

Leben. Weil es immernoch eine Zukunft gibt.

Immer am Hoffen gewesen, mich im Denken verloren, Blumen verschenkt, durch den Morgenregen gegangen, nach Lavendel geduftet, Goethe gelesen, Theater gespielt, protestiert, triumphiert und verloren, Träume gelebt, Briefe geschrieben, alles abgelichtet und auf zinnoberrote Dächer gestarrt, mich in eine Stadt verliebt, einen Vogel bis zu seinem letzten Herzschlag in den Händen gehalten, in Repliken gedacht, dadaistische Gedichte geschrieben, Platten gehört, bin zu klein gewesen und an einem Vormittag im August erwachsen geworden, habe Malakowtorte gegessen, mich in Wien verirrt, zu wenig gezeichnet, in einem spanischen Discoklo geweint, zu viel getrunken, nie gereimt, bin altmodisch gewesen, habe Herzen gebrochen und bin gebrochen worden, war immer zu sehr ich selbst, und am Ende wird wieder von vorne begonnen.

...

Zitternd wachte ich auf, weil er sich im Schlaf unsere Decke zweimal um den Körper gewickelt und unter seinen Füßen festgestopft hatte. Doch statt Ärger lief ein anderes Gefühl durch mich, etwas neues, flüchtiges,

wie ein Mund voll Zuckerwatte oder das Licht.

Ich drehte die Heizung auf, setzte mich neben den Kopf des Jungen und hatte den absurden Wunsch, ihm jede Decke dieser Welt zu schenken.

Bücher.

. . . und so denkt man zurück, an den Anfang, das erste selbstgekaufte Buch im Sommer, Doris Dörrie, innerhalb einer Nacht ausgelesen; Jahre später die Liebe zum Theater entdeckt und Nestroy Komödien gelesen, das Mädl aus der Vorstadt im August in einem Haus in den steirischen Bergen, danach den Zerissenen auf der Zugfahrt nach Wien, und begonnen, Wien als Milieu für diese Vorstadtkomödien zu lieben; im Winter dann beim Kachelofen den Talisman gelesen, innerhalb eines einzigen Tages, und auf der Zugfahrt von Graz nach Salzburg Die beiden Nachtwandler oder das Notwendige und das Überflüssige begonnen. Goethe in unerträglichen Hitzetagen im Juli im eigenen Zimmer am Bett gelesen, der Tragödie beider Teile, Stella Adlers Schule der Schauspielkunst im Korbstuhl an Herbstabenden verinnerlicht, und die Epochen der Musikgeschichte, gelesen im Schaukelstuhl in einem großen, alten Zimmer mit verstimmtem Flügel, auf dem ich unerbittlich Debussy mit 6 b's geübt habe; Julius Hey begonnen in den Weihnachtsfeiertagen in dem hohen Bett meiner Großmutter, Gedichte von Lisa Mayer am siebzehnten Geburtstag zu den atonalen, wirren Klängen von Keith Jarrett und dem Duft des Geburtstagsblumenstraußes; Plenzdorf, gelesen in einer Villa nähe der Toscana bei 11 Grad Raumtemperatur und einer herbstlichen Brise Nachtwind, auf einer verregneten Zugfahrt Lessing gelesen; Ingeborg Bachmanns Malina auf einer abendlichen Autofahrt und in verwirrten Nächten gelesen, Thomas Bernhard während Physikstunden und auf dem Heimweg in einem Landbus bei verregneten Fensterscheiben. Und in Folge zwischen Unterrichtsstunden, Hausaufgaben und Nachhausewegen Heinrich Böll, Günter Grass, Friedrich Dürrenmatt, Peter Handke und Rainer Werner Fassbinder rezipieren, und später in ruhigen Junitagen Konstantin Stanislawskis Bände zur Schauspielkunst, und in neun Wochen Ferien auf Zugfahrten, in Straßenbahnen und fremder Stadtluft Voltaire, Kant und Nietzsche studieren, auf der Fahrt nach Stuttgart und mit neuen Träumen . . .

(geschrieben im März 2007)

Und das wirklich Wahre?

Einschlafen.
Das wehende Gras.
Der Nachtzug.
Regenrauschen.
Mitternacht.
Der schlafende Nächste im Nebenraum.
Wind wie im Frühling.
Lang nachdenken.
Das freihändig Fahrradfahren.
Ein offenes Zugfenster.
Freiheitsgedanken.


fensterkll

...

Er dachte, wenn sie Kinder hätten, wären sie sehr groß und dünn, und hätten oft Migräne.
(aus: Jules et Jim, 1962)

Rilke und die Neuzeit

Es wird also festgehalten - mein neues Leben, welches unaufhaltsam auf mich zukommt. Ein Umzug in die Studentenstadt, und mich an der Universität für zwei Studien einschreiben. Außerdem: die erste eigene Wohnung. Der langersehnte Traum, der nun wahr wird. Türkise Blumentöpfe in Ecken von kleinen Studentenwohnungen, so hieß es noch letzten Herbst in meinen Träumen. Und jetzt wird das wahr; und noch viel mehr. Parkettböden und ein Plattenspieler, frühmorgens die Herbstluft zum Fenster hereinlassen und nochmal zurück ins Bett schlüpfen. Schöne Männer in der Unibibliothek beobachten (ja, auch das) und im dämmernden Abendlicht mit dem Fahrrad ins Theater fahren, und spätnachts dann voll der neuen Eindrücke zurück nach Hause fahren, durch die dunkle Stadt. Collegeblöcke voll wirren Vorlesungsmitschriften, und viel neue Photographie, weil ich alte Häuser mit einer ebenso alten Kamera photographieren werde. Der Herbst; mit all seinen Stimmungen. Und ein großes Bücherregal, mit einer Gesamtausgabe von Rilke und einer wachsenden Reclamsammlung. Im roten Ohrensessel in der Küche sitzen, und lesen; irgendwann.

.

Photobucket

*

O Leben, Leben, wunderliche Zeit
von Widerspruch zu Widerspruche reichend
im Gange oft so schlecht so schwer so schleichend
und dann auf einmal, mit unsäglich weit entspannten Flügeln, einem Engel gleichend: O unerklärlichste, o Lebenszeit.

Von allen großgewagten Existenzen
kann einer glühender und kühner sein?
Wir stehn und stemmen uns an unsre Grenzen
und reißen ein Unkenntliches herein,
.............................................................


(Rainer Maria Rilke)

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